{"id":17084,"date":"2024-07-02T08:31:51","date_gmt":"2024-07-02T06:31:51","guid":{"rendered":"https:\/\/eidelstedter-buergerverein.de\/?p=17084"},"modified":"2024-07-02T08:31:51","modified_gmt":"2024-07-02T06:31:51","slug":"glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eidelstedter-buergerverein.de\/?p=17084","title":{"rendered":"Gl\u00fcck!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Geschichte von Hans-Uwe Seib<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gl\u00fcck kommt ja bekanntlich von gl\u00fccklich \u2013 nee, halt, umgekehrt! Gl\u00fccklich kommt von Gl\u00fcck! Tj\u00e4, denn wei\u00df ich nu\u00b4, dass \u2013 nee, <strong>warum<\/strong> ich gl\u00fccklich bin! N\u00e4mlich weil ich viel Gl\u00fcck in meinem ganzen Leben hatte, was hoffentlich so bleibt! &#8211; Ach ja, das wei\u00df ich ja, dass das so bleibt. &#8211; \u201eWieso\u201c fragt Ihr? Tj\u00e4, das begann mit meiner Geburt am 19.3.1939:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu einem meiner ersten Geburtstage, an die ich mich selbst erinnern kann, erkl\u00e4rte meine geliebte Oma mir, dass ich ja am 19.3.1939 zur Welt gekommen w\u00e4re. Und dieser Tag fiel auf einen Sonntag! Und Sonntagskinder, so meine Oma, w\u00e4ren <strong>Gl\u00fcckskinder<\/strong>, also die h\u00e4tten immer Gl\u00fcck in ihrem Leben. &#8211; Na gut, das fiel mir damals aber nicht so sehr auf und im Laufe meines Lebens verga\u00df ich diesen Umstand auch schon mal. Aber nun, wo ich immer \u00e4lter werde, schon mal ansatzweise damit beginne, so \u00b4ne Art Lebens-Bilanz zu ziehen, f\u00e4llt mir dieser Umstand immer mal wieder ein. Mal sehen, was dabei raus kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach meiner Geburt lebte ich zun\u00e4chst mit meiner Familie in der Hamburger Wohnung Spaldingstra\u00dfe 64. Oma f\u00fchrte <strong>zum Gl\u00fcck<\/strong> einen Obst- und Gem\u00fcsegro\u00dfhandel auf dem Hamburger Gro\u00dfmarkt, sodass wir noch nicht hungern mussten! Im Gegenteil, meine Mama erz\u00e4hlte mir sp\u00e4ter mal, dass meine erste richtige Nahrung weich gekochte und p\u00fcrierte Spargelk\u00f6pfchen gewesen w\u00e4ren! <strong>Besser geht\u2019s doch nicht<\/strong>, oder? Meine Eltern halfen dort auf Omas Marktstand. Aber nur gelegentlich, denn Mama war ja auch mit mir besch\u00e4ftigt und ihr Mann war Soldat bei der SS und angeblich irgendwo in Wilhelmsburg stationiert. Beide beklagten sich unabh\u00e4ngig voneinander noch lange nach dem Krieg, dass sie dort bei Oma sehr fr\u00fch am Tag anzutreten hatten. Stimmt, das war auch eines meiner Probleme, als ich 1959 ein paar Monate auf dem Markt arbeitete!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber lange kann das nach meiner Geburt nicht mehr so fr\u00f6hlich und friedlich gewesen sein, denn Georg Seib nahm am 1.9.1939 von Stettin aus am \u00dcberfall auf Polen teil. Danach wurde er ans F\u00fchrerhauptquartier Berlin versetzt und war dort als Zahntechniker t\u00e4tig. Das war wohl auch der Grund, dass er dort nicht in eine Kaserne zog, sondern eine Wohnung zugewiesen bekam, in die wir dann auch noch im Laufe des Fr\u00fchjahres 1941 wegen zunehmender feindlicher Bombenangriffe auf Hamburg und den Hafen, \u00fcbersiedelten. &#8211; <strong>Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck<\/strong>, denn am 13.5.1941 wurde unsere Hamburger Wohnung bei einem Bomberangriff total zerst\u00f6rt! Oma \u00fcberlebte diesen Bombenangriff gut gesch\u00fctzt in einem Luftschutzkeller! Ihr Gro\u00dfhandel hatte sich erledigt und irgendwie wurde Oma nach Rackwitz in Polen evakuiert. Dort leitete sie dann ein Sch\u00fclerheim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Berlin bezogen wir die o. a., <strong>sehr sch\u00f6ne,<\/strong> frei gewordene &#8211; ??? &#8211; Wohnung <em><strong>(4 Zimmer, K\u00fcche, Bad)<\/strong><\/em> am Schiffbauer Damm 29, an die ich mich schon etwas erinnern kann. Aber auch dort war man nat\u00fcrlich nicht mehr sicher, weshalb wir anscheinend im August oder September 1943 ebenfalls nach Rackwitz evakuiert wurden. Ein weiterer Grund f\u00fcr unsere Evakuierung k\u00f6nnte gewesen sein, dass Georg Seib an die Front geschickt wurde. Ca. zwei Wochen sp\u00e4ter wurde das Haus in Berlin \u00fcbrigens durch Bomben total zerst\u00f6rt. <strong>Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck,<\/strong> dass wir wieder kurz vorher davon kamen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An die Zeit dort in Rackwitz erinnere ich mich schon recht gern. Wir lebten dort <strong>zum Gl\u00fcck<\/strong> in geordneten Verh\u00e4ltnissen und hatten anscheinend immer genug zu essen. Zumindest bis Weihnachten 1944, denn am 27.12.44 fl\u00fcchteten wir mit deutschen Soldaten auf Pferdewagen vor den anr\u00fcckenden Russen! Zwei Erinnerungen an diese Flucht habe ich noch: Einmal mussten wir von unserem Pferdewagen abspringen und uns Schutz suchend in den Stra\u00dfengraben legen, denn wir wurden beschossen. Ob diese Sch\u00fcsse aus Kampfflugzeugen oder von Bodentruppen kamen, wei\u00df ich nicht. Aber <strong>wir hatten Gl\u00fcck<\/strong>, denn niemand war verletzt worden und wir konnten weiter fl\u00fcchten. In einem mir nicht bekannten Ort wurden alle fl\u00fcchtenden Kinder eines Abends in die \u00f6rtliche Schule \u201eeingesammelt\u201c, dort gut versorgt und zur Nachtruhe in einer Halle hingelegt. Wo die Erwachsenen \u00fcbernachteten, wei\u00df ich nicht. Am anderen Morgen konnten meine beiden Frauen mich erst nicht wiederfinden, aber Oma setzte sich da wohl irgendwie durch und bekam mich <strong>gl\u00fccklicherweise<\/strong> wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Flucht endete am 8.2.45 in Weiden, Oberpfalz. Dort bekamen wir zwei Zimmer zugewiesen, eines f\u00fcr Oma und ein anderes f\u00fcr Mama und mich. Wir erlebten dort einen wundersch\u00f6nen Sommer \u2013 jedenfalls habe ich das so in Erinnerung, denn ich war dort <strong>gl\u00fccklich!<\/strong> &#8211; Bis ich da in Bayern eingeschult wurde. Daran habe ich keine guten Erinnerungen. Immerhin wei\u00df ich noch, dass ich dort den Unterschied zwischen I und J lernte! \u2013 Aha!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November wurden wir als \u201eButen-Hamburger\u201c zur\u00fcck in unsere Heimat geschickt. Diese viert\u00e4gige Reise in offenen G\u00fcterwagen, hat auch keine positiven Eindr\u00fccke bei mir hinterlassen. Aber wir landeten in Hamburg-Altona und wurden dort in einem Barackenlager einquartiert, in das man heute z. B. keinen einzigen Fl\u00fcchtling mehr unterbringen w\u00fcrde. &#8211; Aber in meiner kindlichen Erinnerung landeten wir in einem Paradies, in dem es vier Jahre lang in jeder Beziehung <strong>immer besser<\/strong> wurde: Kriegsende, Frieden, neue und sch\u00f6ne Einschulung, Marshallplan, Gr\u00fcndung der BRD, Einf\u00fchrung der D-Mark usw. Aus heutiger Sicht betrachtet, lebte ich dort in bzw. auf einem riesigen Abenteuerspielplatz und war <strong>gl\u00fccklich.<\/strong> Meine beiden Frauen sahen das ganz bestimmt ganz anders!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Eltern wurden geschieden und meine Mama heiratete \u201eOnkel Heinz\u201c. Egal, mein Leben wurde, neben ein paar recht unsch\u00f6nen Erlebnissen, von lauter positiven Fakten begleitet. 1949 zogen wir in eine unm\u00f6gliche Dachboden-Wohnung in Hamburg 13 um. Die war auf keinen Fall sch\u00f6n. Trotzdem freute ich mich immer mal wieder \u00fcber etwas <strong>Sch\u00f6nes<\/strong>, dann fand Oma nat\u00fcrlich jedes Mal, dass ich das als Sonntagskind auch verdient h\u00e4tte! Danke Oma! Diese <strong>Gl\u00fcckserlebnisse<\/strong> &#8211; Mitglied im Schwimmverein, Geburt meines kleinen Bruders J\u00fcrgen, mein erstes Fahrrad, meine erste gro\u00dfe Liebe und besonders die Tatsache, dass ich immer in meinem Leben selbst f\u00fcr mich entscheiden konnte &#8211; kamen dann stets in eine spezielle seelische <strong>Gl\u00fccks-Schublade!<\/strong> &#8211; Zwar wurde in der Familie meines anderen Elternteils auch ein Geschwisterchen geboren, meine Halbschwester Helge n\u00e4mlich, aber die wuchs ja leider au\u00dferhalb meines <strong>\u201eGl\u00fcckskreises\u201c<\/strong> auf und ich war bereits beinahe ein Erwachsener, als wir uns das erste Mal begegneten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann pl\u00e4tscherte mein Leben in leichtem Wellengang so vor sich hin, bis ich meinen allergr\u00f6\u00dfter Goldklumpen fand: meine <strong>herzallerliebste Gisela!<\/strong> &#8211; Sp\u00e4ter wurde dieser Goldklumpen noch mit zwei Diamanten verziert: <strong>mit Basti und Tini!<\/strong> &#8211; Ach Oma, wenn Du das noch alles miterlebt h\u00e4ttest, w\u00fcrde Dein Kommentar bestimmt nur noch lauten: <strong>\u201esiehste, Sonntagskind!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun fehlt noch mein beruflicher Werdegang. Mit einem befreundeten Kollegen diskutierten wir beiden sp\u00e4ter mal \u00fcber unsere berufliche Entwicklung. Kurz gefasst kam der Kollege Heinz damals auf die Idee, dass das wie sechs Richtige im Lotto w\u00e4ren! Da ich aber meistens gern etwas weniger euphorisch bin, fand ich, dass f\u00fcnf Richtige mit Zusatzzahl reichen w\u00fcrden. Heute als Rentner muss ich aber feststellen, dass es glatt <strong>sechs Richtige mit Zusatzzahl<\/strong> sind. Wenn ich heute mal unzufrieden sein sollte, liegt es am Wetter!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich bliebe noch meine Gesundheit: Schlaganfall \u00fcberlebt, von Krebsarten verschont, keine H\u00fcftgelenke usw. Und das h\u00e4lt nun schon, nat\u00fcrlich begleitet von H\u00f6hen und Tiefen, seit bald 86 Jahren an! Lieber Gott, danke daf\u00fcr und hilf mir bitte dabei, <strong>dieses Gl\u00fcck<\/strong> zu konservieren, bis ich oben angekommen bin und mich zwischen Mama und Oma auf die Wolkenbank setzten kann!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tsch\u00fcs, HUS<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Geschichte von Hans-Uwe Seib Gl\u00fcck kommt ja bekanntlich von gl\u00fccklich \u2013 nee, halt, umgekehrt! Gl\u00fccklich kommt von Gl\u00fcck! Tj\u00e4, denn wei\u00df ich nu\u00b4, dass \u2013 nee, warum ich gl\u00fccklich bin! 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